Bachisio Sulis
Bachisio Sulis, eine symbolträchtige und rebellische Gestalt, die Grenzen zwischen Poesie, Politik und Legende überschritt, wurde 1795 in Aritzo geboren. Gebildet, leidenschaftlich für Literatur und Philosophie, begann er schon in jungen Jahren als Volksschullehrer und zeichnete sich durch sein freies, unkonventionelles Denken aus. In einer Zeit, in der Worte fast so sehr gefürchtet wurden wie Waffen, wählte Sulis die Poesie als Mittel des Kampfes, der Anklage und des Trostes.
1818, mit nur dreiundzwanzig Jahren, wurde er zu Unrecht beschuldigt, an einem Anschlag gegen die Behörden beteiligt gewesen zu sein. Dies war der Beginn einer langen Odyssee: Um der Verurteilung zu entgehen, floh er in die Berge des Gennargentu, wo er zwölf Jahre lang als Geächteter lebte. Während dieser Zeit lebte er wie ein Bandit, ohne jemals seiner wahren Natur zu entsagen: er schrieb, beobachtete und verfasste Verse, die zum Echo des sozialen Unbehagens im Sardinien des 19. Jahrhunderts wurden.
Seine Gedichte in sardischer Sprache sind intensiv und voller Sarkasmus, sie drücken Mut und politisches Bewusstsein aus. Mit scharfer Ironie griff er die Mächtigen an, prangerte die Arroganz der Reichen an, entlarvte gesellschaftliche Heuchelei, warnte vor Verrat und tröstete jene, die wie er Ausgrenzung der Unterwerfung vorzogen. Seine Dichtung, mündlich überliefert oder auf inzwischen verlorenen Blättern festgehalten, wurde zur Stimme des Volkes und zum Symbol des geistigen Widerstands.
Doch Bachisio Sulis war nicht nur der rebellische Dichter. In seinen Versen tritt auch die Sensibilität des verliebten Mannes hervor, wie seine Gedichte für Elena zeigen, eine junge Adelige, die er leidenschaftlich liebte, aber niemals heiraten konnte. Ihr widmete er zarte, melancholische Worte – Ausdruck einer widersprüchlichen, vielleicht unmöglichen Liebe, die jedoch nie vergessen wurde. Gleichzeitig nahm seine Poesie oft einen erzieherischen Ton an, indem sie sich an Banditen richtete, um Ratschläge, Warnungen und moralische Regeln zu vermitteln – wie ein Ehrenkodex für diejenigen, die am Rande des Gesetzes lebten.
Nach zwölf Jahren des erzwungenen Exils erhielt Sulis 1830 endlich die Begnadigung und kehrte nach Aritzo zurück. Doch seine Freiheit war nur von kurzer Dauer: am 8. Juli 1838 starb er im Alter von 43 Jahren, Opfer eines Attentats im Hof des Hauses Devilla.
Sein Tod markierte den Beginn einer Zeit des Vergessens. Viele seiner Schriften gingen verloren, was die Erinnerung an sein Werk fragil und fragmentarisch machte.
Und doch überlebten einige Verse – mündlich weitergegeben, heimlich kopiert, später von Gelehrten und Liebhabern wiederentdeckt. In diesen Fragmenten klingen noch immer die scharfe Anklage, die ergreifende Zärtlichkeit der Liebe und die würdevolle Kraft eines Mannes, der sich nicht beugen wollte. Mit der Zeit wurde Sulis zu einer symbolischen Figur: ein „Dichter-Bandit“, aber auch ein Gerechter, der mit Exil und Tod den Preis für die Freiheit des Denkens bezahlte.
Heute gilt Bachisio Sulis als eine der originellsten Stimmen der sardischen Literatur des 19. Jahrhunderts.